Es ist etwas schwierig zu erklären, aber ich bin der Ansicht, dass man im Netz nicht vollständig anonym unterwegs sein sollte. Zum einen ergibt sich das aus technischen Gründen, denn das Konzept von IP Adressen sieht eine Änderung eigentlich nicht vor. Es ist wie eine Hausnummer, die ändern sich auch nicht ständig. Selbst bei ipv6 ändert sich der identifizierende Prefix nicht, auch nicht bei den privacy Extensions.
Zum anderen hat das damit zu tun, dass man dazu stehen sollte, was man im Netz tut. Eine vollständige Anonymisierung, auch Strafverfolgungsbehörden gegenüber, kann dazu führen, dass manche Leute sich von Strafverfolgung frei fühlen und Gesetze mißachten. Privaten Stellen gegenüber anonym, ja. Das stellt die DSGVO sicher. Aber nicht dem Staat gegenüber.
Es gibt einen Unterschied zwischen einer Vorratsdatenspeicherung und der Identifizierung des Anschlusses (IP Adresse). Die Vorratsdatenspeicherung protokolliert sämtliche Verbindungsdaten. Sie zeichnet auf, was eine Person im Netz tut, und hält dies für lange Zeit archiviert. Sie ist die Kamera des großen Bruders, die dich ständig im Blick hat, und sie ist die Akte, in der man auch noch lange Zeit nach der Tätigkeit alles nachvollziehen kann. Sie ist wie eine Stasi-Akte, sie ist das, was die Freiheit erstickt. Die Identifizierung des Anschlusses hingegen identifiziert Personen, die einen Anschluss nutzen. Es sagt nichts darüber aus, was diese Person tut.
Das ist ein großer Unterschied zur Vorratsdatenspeicherung. Die Vorratsdatenspeicherung zeichnet die intimen Details deines Lebens auf bei Stellen, die das nichts angeht. Die IP Adresse hingegen gibt nur wieder, von wo aus etwas getan worden ist. Wurde von einem Anschluss aus ein Gesetz verletzt, kann man mit Hilfe der Adresse den Kreis der Personen ermitteln, von dem diese Gesetzesverletzung mutmaßlich ausgeht. Aber erst in diesem Moment der Strafverfolgung wird eine Verbindung zwischen der mutmaßlichen Tat und einer Person hergestellt - nicht wie bei der Vorratsdatenspeicherung, bei der sämtliche Zusammenhänge direkt ermittelt und dauerhaft gespeichert werden, auch strafrechtlich irrelevante.
Ich spreche hier von Deutschland, einem freiheitlichen Rechtsstaat. Nicht von einem autoritären Staat wie z.B. China oder der Türkei, bei dem Strafverfolgung bereits bei Meinungsäußerungen beginnt. Hierzulande kann ich ja sogar die Bundeskanzlerin öffentlich beleidigen, und sie wie auch die Strafverfolgung würde sich (zu Recht) einen feuchten Kehricht darum scheren.